Investoren und Finanzinstitute im Visier von Betrügern
Wie das «KPMG Fraud Barometer» zeigt, wurden im letzten Jahr vor Schweizer Gerichten 57 grosse Fälle von Wirtschaftskriminalität im Umfang von mehr als CHF 1.5 Milliarden verhandelt. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Rückgang der Anzahl Fälle um 23%, aber einer markanten Steigerung der verhandelten Deliktsumme um 54%.
Gegenüber dem Vorjahr wurden 2009 vor Gericht 23% weniger Fälle verhandelt, die Eingang in den KPMG Fraud Barometer fanden, nämlich 57 (im Vorjahr: 74). In Bezug auf die Schadenssumme ist jedoch eine starke Zunahme zu verzeichnen. Grund dafür ist vor allem der bislang grösste Fall von organisierter Kriminalität und Geldwäscherei, der in der Schweiz je vor Gericht kam. Die häufigste Tätergruppe bildet nach wie vor das Management von Unternehmen. Aber auch gewerbsmässige Betrüger und Angestellte sind nach wie vor sehr aktiv. Was die Opferkategorien angeht, so gehören private Investoren und Finanzinstitute nach wie vor zu den am meisten geschädigten Gruppen.
Anne van Heerden, Partner und Leiter des Bereichs Risk & Compliance, meint dazu: «Es ist wichtig zu verstehen, dass das KPMG Fraud Barometer nicht jene Fälle widerspiegelt, die im Jahr 2009 aufgedeckt wurden, sondern jene, welche 2009 vor Gericht gebracht oder dort verhandelt worden sind.» Die Finanzkrise der letzten Jahre hat den Druck auf Unternehmen und Mitarbeitende spürbar erhöht. Dies hat mancherorts zu verstärkter Unzufriedenheit bei Mitarbeitenden geführt, die sich verschiedentlich deliktischer Mittel bedienten, um sich einen persönlichen Vorteil zu sichern. «Nicht nur aus diesem Grund erwarten wir eine weitere Zunahme an Fällen von Wirtschaftskriminalität, sondern auch wegen des verstärkten internen Augenmerks vieler Unternehmen auf Kontrollen und die Überprüfung von Prozessen. Dies wird noch viele bislang unentdeckte Fälle ans Tageslicht bringen», ergänzt van Heerden.
Auch KMU betroffen
Aus methodischen Gründen werden im KPMG Fraud Barometer Fälle, die vor dem Bundes¬strafgericht in Bellinzona verhandelt werden, dem Kanton Tessin zugerechnet. Dies hat zur Folge, dass der Kanton Tessin - gemessen an der Schadenssumme - an der Spitze aller Regionen liegt. In der Region Zürich wurden 18 Fälle (i.V. 20), in der Nordwestschweiz 15 (i.V. 7) und im Espace Mittelland 13 (i.V. 12) vor Gericht gebracht oder dort verhandelt.
Dass der Kanton Zürich wie bereits im Vorjahr wiederum prominent vertreten ist, erstaunt aufgrund des starken Finanzsektors nur wenig. Auffallend ist jedoch, dass der Espace Mittelland immer mehr Fälle verzeichnet. Matthias Kiener, Leiter Forensic bei KPMG in Bern, sagt dazu: «Der Espace Mittelland ist traditionell von kleinen und mittelgrossen Betrieben beherrscht. Die vermehrten unternehmensinternen Kontrollen offenbaren nun auch hier zunehmend illegale Praktiken. Dies überrascht insofern nicht, als Wirtschaftskriminalität und unternehmensinterne Delinquenz ein Faktum sind, dem sich weder grosse noch kleine Unternehmen entziehen können.»
Gelegenheit macht Diebe - auf allen Stufen
In 28 aller Fälle (i.V. 43) waren die Täter Mitglieder des Managements, praktizierten Formen der organisierten Kriminalität oder agierten als gewerbsmässige Betrüger. Die Anzahl der von diesen Tätergruppen begangenen Delikte ist aktuell etwas rückläufig, aber nach wie vor hoch, und sie zeichnet auch für die grössten Schadenssummen verantwortlich, nämlich CHF 1.4 Mrd. (i.V. CHF 740 Mio.). Die Delikte von Angestellten, die nicht dem Management angehörenden, und von Kunden haben demgegenüber meist weniger hohe Schadensbeträge zur Folge. Diese Tätergruppe war in der Berichtsperiode für immerhin 11 Fälle verantwortlich. John Ederer, Stellvertretender Leiter Forensic von KPMG Schweiz, erklärt: «Mitglieder des Management, welche durch ihre Rolle ein hohes Ausmass an Verantwortung und Kompetenzen besitzen, können Kontrollen eher umgehen oder auf ihr Verhalten zugeschnittene Kontrollen anordnen.» Daneben haben sie in vielen Fällen Verfügungsgewalt über substanzielle Vermögenswerte, was regelmässig zu höheren Schadenssummen führt. «Den Kontrollmechanismen auf allen Ebenen kommt daher ebenso entscheidende Bedeutung zu wie den unternehmensinternen Ethik- und Integritätsstandarts. Denn Gelegenheit macht Diebe - auf allen Stufen».
Investoren und Finanzinstitute Hauptgeschädigte
Neben dem in Bellinzona verhandelten Fall von organisierter Kriminalität erlitten Investoren und Finanzinstitute am meisten Schaden: Investoren in 19 Fällen (i.V. 13), Finanzinstitute in 13 Fällen (i.V. 16). Bei Letzteren waren mehr als die Hälfte der Fraud-Fälle dem Management anzurechnen; dies im Gegensatz zu den Investoren, die von verschiedenen Tätergruppen geschädigt wurden, besonders aber von privat agierenden, gewerbsmässigen Betrügern. An der Spitze der Deliktsarten stand bei sämtlichen Opfergruppen - wie schon im Vorjahr - die Veruntreuung: Mehr als die Hälfte der Fälle wurde nach diesem Tatmuster begangen.
Die deliktisch erlangten Gelder wurden für die unterschiedlichsten Zwecke verwendet. Im Vordergrund standen jedoch alle Arten von Luxus, extensive Kasinobesuche, Verwendung im Drogen- und Rotlichtmilieu sowie Bau und Erwerb von teuren Immobilien.
Betrug nach Regionen/geographische Verteilung
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Betrug nach Tätergruppen
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Betrug nach Opfergruppen
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Methodologie
Zur Erstellung des «Fraud Barometer» berücksichtigte KPMG Fälle von Betrug und ähnliche Wirtschaftsdelikte mit einem Schadensbetrag von mindestens CHF 50'000, welche vor einem Schweizer Strafgericht zur Verhandlung kamen oder angeklagt sind (rechtshängig) und über welche in den wichtigsten Schweizer Tages- und Wochenzeitschriften berichtet wurde.
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Zürich, 2. Februar 2010
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